Das Arzt-Patienten-Verhältnis im Wandel

Vor vielleicht 30-40 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Der (Haus-)Arzt war der umfassend Wissende und der Patient, der Leidende, sein bedingungsloser „Untertan“, der alle Entscheide des Omnipotenten diskussionslos anzunehmen hatte. Keine Rede von Zweitmeinungen oder kritischem Hinterfragen des eingeschlagenen medizinischen Procedere.

Oh tempora mutantur ! Zuerst kamen spektakuläre TV-Sendungen über medizinische Spitzenleistungen (zB Übertragung einer Herzoperation moderiert von „Mäni national“ Weber) im Schweizer Fernsehen; damals noch ausschliesslich und unkritisch im Sinne „der Wunder der Medizin“. Es schlossen sich langsam regelmässig werdende Medizinsendungen an, welche neben wichtigen medizinischen Themenkomplexen auch “Allerneustes“ und  zT noch wenig Ausgereiftes brachten. Sensibilisierte Patienten begannen in der Sprechstunde Fragen zu stellen über Differenzialdiagnose und Therapiealternativen. Es wurde  zunehmend Mode, seinem Arzt nicht mehr a priori zu vertrauen sondern sein Beraten und Handeln prinzipiell kritisch zu hinterfragen. Mit der Verbreitung des Internet kam endgültig eine Welle von Pseudowissen ins Sprechzimmer. Patienten kommen heute oft nicht mit ihren Symptomen sondern mit vorgefassten (Laien-) Internet-Diagnosen auf uns zu. Dabei ist es fast zwingend, dass sie ihrem Symptom in der Regel den „worst case“ des Gelesenen zuordnen. Entsprechend ist denn auch oft die Begehrlichkeit nach teuren und meist unnötigen bzw nicht stufengerechten Abklärungsuntersuchungen. Nicht selten trägt dies dann zu einem teuren Ärztetourismus bei, wenn der aufgesuchte Arzt richtigerweise nicht gewillt ist, sofort diesen unnötigen Begehren nachzugeben.

Ein kritischer mündiger Patient ist für den Arzt eine positive Herausforderung; ein „aus Prinzip (über-)kritischer“ Patient schwächt oder verhindert beim Arzt das notwendige Engagement für die Probleme des Patienten; es wird quasi zum Eigengoal für ihn.

Soweit unser mehr als nur berechtigtes Klagelied über die Folgen des pseudoinformierten mündigen Patienten von heute.

Doch Hand aufs Herz – hat diese Entwicklung nicht auch positive Seiten ?

Ich kann mir heute kaum noch vorstellen, einen Patienten zu behandeln, ohne ihm vorher nicht meine Überlegungen dargelegt zu haben: Diagnose oder Differentialdiagnose, mögliche Abklärungen und Therapieoptionen von nihil bis Maximum mit vermutlichen Heilungsaussichten und möglichen Nebenwirkungen – sogar bei Bagatellfällen. Damit nehmen wir nicht nur den Patienten ernst als gleichberechtigtes Gegenüber und nota bene Auftraggeber sondern entlasten gleichzeitig uns, indem wir ihn durch Information und Konsens mit in die Verantwortung einbeziehen.

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee