Die Staatverdrossenheit der Hausärzte

– auch eine finanzielle Bedrohung unserer Volkswirtschaft

Walter Grete verfasste in der SÄZ (2010; 91:37) einen wegweisenden Artikel, welcher Pflichtlektüre eines jeden Parlamentariers sein sollte.
Staatliche, politische und kasseninduzierte Schikanen sowie ständige Messerstiche in der Medienlandschaft machen den einst so staats- und gesellschaftstreuen Hausarzt langsam aber sicher schlussendlich zum trotzigen Minimalisten, der seine „gesellschaftspolitische Kulanz“ (unzählige berufliche Gratiseinsätze in Vereinen, Organisationen und öffentlichen Organen) zunehmend ersetzt durch Verweigerung von Leistungen, welche früher als Selbstverständlichkeit aus einem Verantwortungsgefühl für das Gemeinwohl geleistet wurden.

Ein willkürlich fehlendes Ausgleichen von vertraglich ausgemachten Taxpunkterhöhungen mit ständig abnehmendem Einkommen der Grundversorger –
eine willkürliche Tarifreduktion des Ärztelabors, die schlussendlich in deren Auswirkung den Staat teurer zu stehen kommt (u.a. unnötige Hospitalisationen etc) aber das Hausärzteeinkommen spürbar tangiert –
ununterbrochene Angriffe auf die DMA aus reinem Neid und schreiender Ignoranz, obschon der Spareffekt dieser Medikamentenabgabeform seit langem erwiesen ist –
prinzipielle und institutionalisierte (Honorar-)Schuldvermutung durch die Versicherer mit bis zu horrenden Rückforderungsverpflichtungen durch Schweizer Gerichte trotz nachgewiesener insuffizienter Beweisführung –
und ständige Nadel- und Messerstiche durch die Medien in falscher oder absolut undifferenzierter Manier vergrämen die Grundversorger und tragen wesentlich dazu bei, dass die jungen Mediziner kaum mehr die Hausarztkarriere einschlagen.
Auf einen noch wichtigeren und dennoch oft vergessenen Aspekt sei hingewiesen:
die „ärztliche Hoheit“ über die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit.
Der pflichtbewusste und kulturell hier verwurzelte Hausarzt macht es sich nicht leicht im Abwägen zwischen der Gesundheit seines Patienten und dem Anspruch der Volkswirtschaft zur Vermeidung eines Absentismus. Dies zeigen (noch) internationale Vergleichszahlen verpasster Arbeitstage, wo die Schweiz bis 2009 unterdurchschnittliche Absentismustage aufweist (cranet.2009).
Der politisch induzierte drohende bzw bereits eingetretene Hausärztemangel soll gemäss einem Walliser Alt-Gesundheitsminister (Drohung gegenüber der FMH, falls diese zu Leistungsverweigerungen aufrufen würde) einfach durch imigrierte KollegInnen kompensiert werden  („davon gibt es genug, die warten nur darauf“).
Dass solche eingewanderte „Hausärzte“ aus anderen Kulturen unsere Mentalität kaum verstehen und selten die gleich strengen ethischen und gesellschaftspolitischen Massstäbe bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ihrer Patienten anwenden ist wahrscheinlich. Dies führt schlussendlich zu einem immensen finanziellen Schaden für unsere Volkswirtschaft – einerseits direkt und sofort durch eine zu erwartende Zunahme des Absentismus (1 Arbeitsausfalltag kostet ca Euro 1’000.- (cranet. 2009)) und andererseits indirekt längerfristig durch eine Schädigung des Ansehens des Werkplatzes Schweiz, wodurch Arbeitsplätze internationaler Konzerne verloren gehen.
Wann folgen den schönen Worten der Politiker endlich konkrete Taten ?
Jede geschlossene Hausarztpraxis ist verloren – es verbleibt nicht mehr viel Zeit zur Rettung der Hausärzte, nota bene der Stütze unseres Gesundheitssystemes !

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee