Die unzähligen Vergessenen

Die Schweiz steht in der Suizid-Statistik weit oben. Offenbar sind ein sehr hoher Lebensstandard und eine frustrane Lebenssinn-Suche sehr eng miteinander verbunden. Diesbezüglich belastend ist sicher auch das zunehmende Älterwerden unserer Gesellschaft – auch hier steht unser Land weltweit an der Spitze. Hohes Alter geht eng mit sozialer Vereinsamung einher als einem der wesentlichen Risikofaktoren für Depression und Freitod.

Ein gesunder Mensch begeht nicht Suizid, auch im Alter nicht. Ich erlaube mir, diese Behauptung in den Raum zu stellen. Ein Freitod steht in Zusammenhang mit psychischer und / oder somatischer Krankheit oder mit einer echten oder vermeintlichen negativistischen Beeinflussung von aussen, ich nenne sie echte oder vermeintliche „verinnerlichte deletäre extrinsische Erwartungshaltung“.

Die Statistik erfasst die Suizidfälle, also die Toten. Für sie scheint „die Situation  damit erledigt“. Kaum jemand spricht jedoch von den unzähligen Hinterbliebenen, die nicht selten den Rest ihres Lebens nicht oder nur sehr schwer über den gewaltsamen Verlust hinwegkommen.

Während ein (assistierter) Freitod in einer aussichtslosen terminalen und schmerzbeladenen Krankheitsphase noch eher akzeptiert und verarbeitet werden kann, stellt ein Suizid infolge einer subklinischen oder manifesten psychischen Erkrankung eine viel grössere psychische Belastung für die Hinterbliebenen dar.

Würde in Zukunft ein assistierter Tod im Alter als eine Art „negativistische Bilanz“ – unabhängig vom Gesundheitszustand – legal angeboten, dürfte dies den psychischen Druck auf gewisse SenorInnen erhöhen.

In einer Zürcher Studie (Wagner, Müller & Maercker, 2011) zeigten Angehörige eines assistierten Suizides ein vielfache höheres Risiko für die Entwicklung einer anhaltenden posttraumatischen Belastungsstörung verglichen zur Zürcher Altersstudie (Maercker, 2006) – und dies unter den aktuell noch relativ restriktiven legalen Voraussetzungen für einen assistierten Suizid.

Im Falle einer Liberalisierung gemäss den neuesten Bestrebungen von Exit würde wohl nicht nur die (extrinsich begünstigte, siehe oben) Anzahl assistierter Suizide im Alter zunehmen, sondern vermutlich überproportional auch die Anzahl und die Schwere der posttraumatischen Belastungsstörungen von Angehörigen, da solche Suizide für die Hinterbliebenen wohl nur noch sehr schwer nachvollziehbar wären.

 

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee