Eine ominöse Todesanzeige

Eine kürzlich erschienene Todesanzeige in einer Schweizer Tageszeitung hat mich erschüttert:

Drei Söhne richten sich darin an ihre verstorbenen Eltern: der Vater verstarb vor ca 3 Jahren, die Mutter vor wenigen Monaten.

Die Eltern und die Kinder hätten sich mit der Zeit immer weniger verstanden, und die scheinbare Fürsorge durch die Nachkommen sei von ihnen (den Eltern) zusehends missdeutet worden. Zusätzlich lässt sich aus dem Text schliessen, dass irgend eine weitere Kraft oder irgendwelche Dritte (eine Sekte ?) ihre Eltern definitiv vor den Söhnen vereinnahmt hat. Entgegen dem aktiven Bemühen und Kämpfen (sic !) der Kinder scheint dies sogar soweit gegangen zu sein, dass diese heute noch nicht wüssten, wo ihre Eltern begraben seien. Abschliessend nennen die Söhne eine Kontaktadresse in der Hoffnung, von irgend jemandem einen Hinweis auf das definitive Schicksal ihrer verstorbenen Eltern zu erhalten.

Als in der Grundversorgung tätiger Geriater kamen mir aus meinem Praxisalltag sofort unzählige Familienschicksale in den Sinn, die ich gedanklich mit dieser ominösen Todesanzeige verband:

Eltern mit fortschreitender Demenz, die mit der Zeit ihre Situation nicht mehr richtig einschätzen können und Interventionsversuche der umsorgenden Kinder als dreiste Einmischung und Angriff erleben. Es folgen nicht selten monate- bis jahrelange Querelen, und es kann sogar soweit kommen, dass die dementen Eltern ihre Kinder sprichwörtlich verdammen und in ihrer Umgebung schlechtmachen.

Und der zweite Gedanke hat mit der niederträchtigen Intention gewisser tüchtiger Geschäftsleute zu tun: mit arglistigsten Mitteln werden vornehmlich alleinstehende alte Leute meist schriftlich angegangen. Es wird ihnen mit haarsträubenden Versprechen auf Geschenke und Gewinne  Geld herausgelockt, das diese oft gutgläubig gewordenen und kognitiv eingeschränkten Menschen vertrauend einzahlen. Ich kenne Fälle, wo im Nachhinein festgestellt werden musste, dass über die Jahre Zehntausende von Franken so in den Sack dieser Betrüger gewandert sind. Sie operieren meist vom Ausland her und lassen sich so kaum fassen. Auch hier sind Interventionen von Angehörigen extrem schwierig und meist frustran.

Das wichtigste Ziel der Arbeit als Familienarzt besteht in solchen Situationen aus dem Stützen der verzweifelnden und nicht selten auch verständlicherweise zu Trotzreaktionen  neigenden Nachkommen. Immer und immer wieder Aufzeigen und Erklären, dass das unverständliche, aggressive und oft feindliche Verhalten der einst geschätzten Eltern einzig und allein einem krankhaften Zustand entspricht und keine Abkehr von der früheren Liebe und elterlichen Fürsorge darstellt. Das Erleben einer solchen Generationenkrise ist hart und tut unendlich weh. Die Alten fühlen sich in ihrer Integrität beeinträchtigt und reagieren aggressiv und verletzend – die Jungen verzweifeln daran, dass sie als Dank für Ihre fürsorglichen Bemühungen Ablehnung und sogar Schimpf und Schande ernten: eine kaum bekannte aber im Hinblick auf die demographische Entwicklung immer wichtiger werdende und grosse Aufgabe für den Familienarzt !

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee