Offener Brief an Hrn Bundesrat Couchpin

Ein Berufskollege lebt seit seiner kürzlichen Pensionierung während mehreren Monaten im Jahr in Südfrankreich.

Wegen gelegentlichem Herzklopfen sucht er den nächsten lokalen Allgemeinarzt auf mit der Bitte, bei ihm ein EKG und ein kleines Labor durchzuführen.

„Pardon, mon chèr Collegue, wir machen weder EKG noch Labor – schon lange nicht mehr. Für die Blutkontrolle müssen sie in das medizinische Labor in der nächsten Stadt – und für das EKG zum Kardiologen im Zentrum in XY– aber vor 10 Tagen werden sie dort keinen Termin erhalten … wenn es dringend ist, muss ich sie hospitalisieren…“.

Unser Kollege bedankte sich höflich und kehrte etwas früher als geplant in die Schweiz zurück, wo er bei einem Hausarztkollegen innert kürzester Zeit sein EKG und sein Labor erhielt – beides glücklicherweise mit normalem Befund.

Herr Bundesrat,

Die Gründe für das oben geschilderte Szenario in Frankreich (und in anderen teilen Europas) sind vielschichtig, zwei stechen jedoch hervor:

Einerseits ist der verglichen zur Schweiz wesentlich schlechter postgraduate ausgebildete Eurodoc fachlich für gewisse medizinische Leistungen zu wenig kompetent. Andererseits wurden ihm – und dies betrifft eben auch kompetente Ärzte – von Staates wegen mehr und mehr Werkzeuge weggenommen, indem sie nicht mehr kostendeckend tarifiert wurden.

Die objektive Bilanz:

Bei uns (noch): Der Allgemeinarzt führt das EKG sowie das kleine Labor in seiner Praxis kompetent und rasch durch; der Patient weiss sofort Bescheid. Kosten über alles ca SFR 120.-. Keine indirekten Kosten (praktisch kein Arbeitsausfall).

In Frankreich (und wohl auch bald bei uns): nach der Arztkonsultation ist der Patient noch nicht weiter. Verlust eines vollen Arbeitstages durch die Blutentnahme in der Stadt und den Termin beim Kardiologen nach 10 Tagen im Zentrum. Dort werden neben dem notwendigen EKG ungefragt noch eine Belastung und ein Echokardiogramm durchgeführt. Die Blutresultate bzw den kardiologischen Bericht holt er nach einem Tag bzw nach einer Woche bei seinem Hausarzt.

Folgen: Dreimaliger besuch beim Hausarzt, Arbeitsausfall ein Arbeitstag. Umweltbelastung durch Herumfahren. Direkte Kosten: Hausarzt ca 100.-, externes Labor ca 50.- (?); Kardiologe mindestens 500.- Psychische Belastung: der Patient weiss erst nach ca 2 Wochen, wie es um seine Gesundheit steht.

Herr Bundesrat, mit den von Ihnen als Sparübung deklarierten Massnahmen auf Kosten der Grundversorger (Labor, DMA etc) führen Sie bei uns innert kürzester Zeit die oben geschilderten „französischen Verhältnisse“ herbei:

Einen massiven Abbau der heute qualitativ noch sehr hochstehenden Grundversorgung der Schweizer Bevölkerung, und dies zu einem viel höheren Preis ! oder einfacher gesagt: die halbe Leistung zum mindestens doppelten Preis !

Kann das wirklich das Ziel eines Gesundheitsministers sein ?

Mit besorgtem Gruss

Dr. med. Jürg Naef, Grundversorger in Herzogenbuchsee