Über den Umgang mit der Wahrheit

Der Generalsekretär Erich Honecker lobte noch 1989 – wenige Wochen vor dem Fall der Mauer – in einer Festrede zum 40. jährigen Bestehen der DDR diesen Staat als „Vorbild für andere Demokratien“, als „Vorposten des Friedens in Europa gegen den kapitalistischen und neonazistischen Westen“.

Wie massgeschneidert steht dazu die Aussage von Martin Buber (Österr. Philosoph): „die Wahrheit ist dadurch in Frage gestellt, dass sie politisiert wird“. Und das heisst hier: wahr ist nicht was wirklich wahr ist, sondern was dem aktuellen Machtgefüge dient.

Solche Beispiele prägten die Politik durch die ganze Menschengeschichte hindurch. Recht und Wahrheit wurden und werden nach Gutdünken zurechtgebogen, ja sogar ohne Skrupel komplett umgekehrt, wenn es den politischen Zielen der Herrschenden dient.

Erinnern wir uns an das Schicksal von Galileo Galilei, dessen wissenschaftlicher Wahrheitswillen unter Androhung von Folter und Tod auf dem Scheiterhaufen der damaligen kirchlichen Weltanschauung zum Opfer fiel. Das Dritte Reich war mit seinem totalitären Machtapparat ein Paradebeispiel, wie die „offizielle Wahrheit“ praktisch Hurendienste leisten musste, damit die Schreckensherrschaft formell legalisiert werden konnte. Prominentes Opfer aus dieser Zeit ist der Theologe Dieter Bonhoeffer, der sich auch durch die letzte Konsequenz – die Todesstrafe – nicht vom Wahrheitsweg abbringen liess. Seinen Weg gingen vor ihm viele andere Widerstandskämpfer wie ein Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter.

Im nachfolgenden kalten Krieg zwischen den Grossmächten hat nicht nur der schon zitierte Erich Honecker die Wahrheit für sich neu definiert.

In der jüngsten Geschichte war US-Präsident G. Bush ein Meister im Zurechtbiegen der Wahrheit zur Legitimierung seiner Politik.

Und in unserer kleinen heilen Welt ?

Erschüttert hat mich die Tatsache, dass auch in unserer Musterdemokratie ethische Werte wie die Wahrheit ganz bewusst politischen oder persönlichen Interessen geopfert  werden – und dies sogar von höchsten Stellen. Gerade das Gesundheitswesen ist ein idealer Tummelplatz, wo mit Halbwahrheiten oder gar bewusst mit Unwahrheiten versucht wird, einzelne Gruppen oder ganze Berufsverbände entweder zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Selbst ein Schweizerischer Bundesrat und Gesundheitsminister war sich nicht zu schade, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten, um persönliche Animositäten gegen die Ärzteschaft auszuleben: trotz besserem Wissen, dass die direkte Medikamentenabgabe (DMA) durch die Ärzte nicht nur patientenfreundlich ist, sondern sich auch generell kostensenkend auswirkt, will er die DMA abschaffen, „um so weitere Gesundheitskosten zu sparen“.

Bewusstes Verbreiten von Unwahrheiten nennt man auch Lügen, Herr Altbundesrat Couchepin.

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee