Und plötzlich war ich Patient …

Schöner hätte der Herbstmorgen nicht sein können. Die aufgehende Sonne liess die Dreitausender im zunehmenden Licht erwachen. Die klare Fernsicht verhiess einen unvergesslichen Wandertag in den Walliseralpen.

Kurz nach der Ankunft mit der Seilbahn galt es zuerst über einen kurzen steilen Abhang hinunter unsere geplante Wanderroute zu erreichen. Das Gras war noch taufeucht und von nassen Humusflecken durchzogen.  Mit dem Blick auf die majestätischen Gipfel machten wir uns auf den Weg nach unten, als ich plötzlich mit einem Bein ausrutschte. Während ich mich mit dem anderen Bein reflektorisch auffangen wollte, verspürte ich plötzlich oberhalb der Patella einen reissenden Schmerz, und  das Knie gab nach wie ein unfixiertes Scharnier. Abriss der Quadricepssehne – der Unfallmechanismus, das Spüren des „Reissens“ während dem Fall und der extreme Schmerz liessen mir keinen Zweifel an der Diagnose !

Im nächsten regionalen Spital wurde die Diagnose per Ultraschall bestätigt und die nötige Operation wegen der postoperativen Hospitalisation in meine engere Heimat in „mein“ Spital verschoben.

Seit Ende meiner Weiterbildung vor 23 Jahren zum ersten Mal wieder für einige Zeit in einem Spital – aber diesmal in vertauschter Rolle. Mit geschientem Bein und mit zwei Krücken am Schalter der Notfallpforte abends Auskunft gebend: Name, Vorname, Adresse, einweisende Instanz …

Dann zum zweiten mal heute auf der Untersuchungsliege. Nachtdienst-Assistentin, Anamnese, Oberarzt, Narkosearzt …“diese Verletzung eignet sich gut für eine spinale …“  ich schluckte leer … noch in Erinnerung der unzähligen Male, an denen ich selbst vor über 20 Jahren mit der lange Nadel gestochen habe … der feinfühlige Anaesthesist sah mir meinen Schrecken an und versprach mir eine gute Praemedikation. Und wirklich, am nächsten Tag erinnerte ich mich nur noch an die Schwester, die mir „ein Tablettli“ gab, und dann erst wieder später auf das langsame „Auftauen“ meines operierten Beines im Aufwachraum.

Erst jetzt begann ich zu realisieren, dass in den vergangenen 23 Jahren die Zeit im Spital nicht stillgestanden ist: Schwester Beatrice hiess jetzt Frau Friedli und stellte sich mit Namen und Funktion höflich vor. Wenn sie ihre Schicht beendet hatte, stellte sie ihren Ablös ebenfalls vor. Am Abend kam eine gepflegte Dame „von der Hotellerie“ ins Zimmer. Ich wählte eines der von ihr praesentierten Menus und konnte noch Änderungswünsche anbringen. Am Morgen weckte mich eine junge Pflegerin, um mir nach Vorstellen mit Name und Funktion ausschliesslich die Temperatur zu messen. Das gleiche eine halbe Stunde später mit einem jungen Mann, der nur gerade den Blutdruck mass. Wo waren denn „meine Schwestern“ geblieben ? hatten die heute alle frei ? Nach einiger Zeit kam eine ins Zimmer und kümmerte sich freundlich, kompetent und anscheinend ohne Zeitdruck um meinen Zustand und meine Belange. Wow ! Da war nichts spürbar von der altbekannten Hektik; von der „Allroundschwester Beatrice“, die die Fiebermesser steckte, den Blutdruck nahm, die Patienten „versorgte“, das Morgenessen servierte, den Tee brachte, die Arztvisite begleitete und dann noch das Mittagessen brachte und wieder abräumte…

Mit einem operierten und geschienten Bein mit Belastungsverbot beschloss ich, mich in mein Schicksaal zu ergeben. In den knapp fünf Tagen Hospitalisation habe ich wohl alle meine durch Notfalldienste versäumten Schlafmankos der letzten 30 Jahre im Eiltempo nachgeholt …

So verbrachte ich meine zweite Ferienwoche etwas anders als geplant. Und das neue Erlebnis, das Spital als Patient, als Leidender zu erleben war eindrücklich und hinterlässt Spuren, die meinen Umgang mit meinen Patienten in Zukunft zusätzlich prägen werden.

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee