Wer befiehlt, bezahlt …

… oder, Herr Gesundheitsdirektor ?

Freitagabend um 2100h. Eine Polizeistreife ruft den örtlich Notfalldienst leistenden Grundversorger an eine Adresse „zur Zwangseinweisung eines renitenten Drögelers“.

Der Herbeigerufene trifft dort – in der Wohnung der Eltern des Drogenpatienten – neben diesem und seinen Eltern noch die Zweierpatrouille der Polizei und die örtliche Gemeindepräsidentin an.

In dem vom Arzt geleiteten Gespräch stellt sich heraus, dass der Beklagte schon  zig Zwangshospitalisationen nach FFE hinter sich hat, wobei er meist wegen fehlender Therapieeinsicht und fehlender Selbst- oder Fremdgefährdung jeweilen nach kurzer Zeit wieder entlassen worden war – letztmals vor zwei Tagen.

Die Eltern haben aktuell die Polizei gerufen, da der ihnen unliebsam gewordene Sohn unangemeldet nach Hause gekommen ist und gegen ihren Willen bei ihnen bleiben will.

Der Arzt klärt die Situation und schlägt die erneute Zwangshospitalisation als wirkungslos aus.  Er bringt den Drogenpatienten vielmehr dazu freiwillig abzuziehen in die nahe Stadt, wo er seit kurzem mitsamt seinen Schriften hingezogen ist. Dort lebt er in einer offiziellen Notunterkunft und hat tags darauf sowieso schon eine Besprechung auf dem lokalen Sozialdienst.

Die Polizeistreife bringt den jetzt kooperativen Beklagten auf den Zug – und alle gehen erleichtert nach Hause.

Der Notfallarzt hat mit seiner Intervention nicht nur eine oft dramatisch verlaufende  Zwangseinweisung verhindert sondern dem Gemeinwesen unnötige zusätzliche Kosten erspart.

Er stellt nach drei Monaten Rechnung für seinen Einsatz.

Der Patient selbst ist mittellos. Die Wohngemeinde der Eltern (Einsatzort) erklärt sich nicht zuständig, weil der Drogenpatient die Schriften nicht dort hat. Der Sozialdienst des neuen Aufenthaltsortes bezahlt die Rechnung nicht, weil der Betreffende schon lange bevor er sich dort angemeldet hat seine Krankenkassenpraemien nicht mehr bezahlt habe und somit keine Rückvergütungen bekomme.  Die Rechnung „bezahlt“ somit der Arzt selbst.

Die Kantone verpflichten jeden berufsausübenden Arzt, Notfalldienst zu leisten und jeden Notfall in dieser Funktion zu behandeln. Der Notfallarzt in diesem öffentlichen Notfalldienst ist in der Regel ein selbständig erwerbender Praktiker. Er erhält vom Gesetzgeber einen verbindlichen und zwingenden Auftrag, den er unbesehen von der Honorarfrage unter Strafandrohung im Unterlassungsfall ausführen muss.

Schuldner ist jedoch nicht der Auftraggeber (Kanton) sondern der Notfallpatient.

Wenn dieser nicht in der Lage ist, die ärztliche Leistung zu honorieren, dann ist dies also das Problem „des Unternehmers“, hier des Arztes und nicht des Auftraggebers, oder ? Schliesslich trägt er ja sein „Unternehmerrisko“ wie jeder andere selbständig Erewerbende auch, oder ?

ALSO: bei der nächsten Anfrage für einen Notfallauftrag wird der lernfähige  Unternehmer zuerst die Bonität des potentiellen Auftraggebers sorgfältig abklären  und nach der Risikoprüfung sicherheitshalber noch einen ausreichenden  Barvorschuss verlangen – im besagten Fall von der Polizeistreife. Ist doch klar, oder … ?

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee