Wie viel Fasnacht?

Die fasnächtlichen Tage vor der 6 wöchigen Fastenzeit bis Ostern wurden im Mittelalter in der christlichen Welt von der Kirche toleriert, obschon der Ursprung nicht primär christlich war. In keltischen Zeiten wurde zu dieser Zeit mit Masken und Gepolter versucht, den Winter zu vertreiben. Im Gegensatz zur katholischen Kirche verlor (mit Ausnahmen) der Brauch in der Reformation seine Bedeutung und geriet in Vergessenheit. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Fasnacht auch wieder in traditionell reformierte Gebiete importiert und verlor mit der Zeit ihre Ursprungsbedeutung.

Auf der einen Seite stellen institutionalisierte Fasnachtsbräuche in verschiedenen Orten einen kulturellen Wert dar wie z.B. der Morgestraich und die Schnitzelbänke in Basel. Auf der anderen Seite steht das persönliche Fasnachtsgebaren und Erlebnis des einzelnen Individuums.

Während in keltischen Zeiten vor allem Masken und Gewänder böser Geister getragen wurden um mit wilden Tänzen den Winter zu vertreiben, bietet heute die Fasnacht dem Einzelnen die Möglichkeit, durch Verkleidung und Maskierung einen Rollenwechsel zu vollziehen und diesen in der damit erreichten Anonymität ausgelassen auszuleben. Es ist die Möglichkeit, aus der von aussen und innen aufgezwungenen Rolle auszubrechen und in Wunschrollen schlüpfen zu können. Gleichzeitig bietet die fasnächtliche Narrenfreiheit  die Möglichkeit, auch Missstände und Tabus beim Namen zu nennen. Bereits im Mittelalter gab es Bräuche, dass während der Fasnacht Hierarchien umgekehrt wurden und z.B. weltliche und kirchliche Diener zu Herren wurden und umgekehrt.

Die Fasnacht scheint dem „Ich“ im freudschen Sinne vorübergehend das Primat des „Über-Ich“ zu entziehen durch das Öffnen eines sonst verschlossenen Tores für das „Es“ aus dem Bauch….

Fasnacht somit als eine Art Selbst-Psychotherapie ?

Aus dem Gesagten könnte man das wohl so ableiten. Da stellt sich doch die Frage, wer denn diesen therapeutischen Rollentausch brauchen würde. Theoretisch wären es die zwangshaft Über-Ich dominierten, die Über-korrekten und Über-pflichtbewussten. Aber gerade diese Gruppe wird wohl kaum am fasnächtlich ausgelassenen Treiben teilnehmen, und die Therapiedauer wäre wohl mit einigen Tagen pro Jahr zu kurz, um Früchte zu tragen….

Wer geht denn – abgesehen vom kulturell-künstlerischen Genuss – als Individuum aktiv maskiert an die Fasnacht ? Als zugegebenermassen Nicht-Fasnächtler weiss ich es nicht.

Wohl dem jedoch, dessen „Ich“ so gut ausbalanciert ist, dass es auch dem „Es“ seinen nötigen Platz einräumt … auf dass nicht nur über wenige Tage viel sondern das ganze Jahr ein klein wenig Fasnacht sei.

Dr. med. Jürg Naef, Herzogenbuchsee